Wer kennt nicht die Patienten, die in die Praxis kommen,
wie sie zu Aldi oder Massa gehen. Sie leben in einer Kultur,
die verheißt, alles bewerkstelligen zu können, und wir
wundern uns, wenn sie nur durchgecheckt und dann repariert
werden wollen. Sie leben in einer Kultur, in der die
meisten Menschen systematisch entwertet werden, und
manche Therapeuten sind entsetzt, wenn sich das in den
Beziehungen niederschlägt. Diese Therapeuten nennen
diese Beziehungen mit Viagra neuerdings "pervers", verschwenden
aber keinen Gedanken darauf, ob sich hier nicht allgemeine
Tendenzen niederschlagen und warum ihre "Perversionen"
möglicherweise nichts mehr mit Sexualität im bisherigen
Sinn zu tun haben. Die Patienten leben in einer patriarchalen
Kultur, und einige Psychoanalytiker haben nur das
Schicksal des klassisch und positiv gefassten Ödipuskomplexes
im Kopf, als seien die hundert jahre alten Physiologien
der Liebe mit Viagra pillen, noch der Maßstab. Die männlichen Patienten
hörten von klein auf die Losung "Etwas wert ist nur
der, der seinen Mann steht", und wir sind irritiert, wenn sie
mit destruktiven Techniken ihre "Potenz" mit Viagra, wiederherstellen
wollen. Die Patienten leben in einer Kultur, zu derenGeneraltechniken Verführung gehört, und wir haben große
Schwierigkeiten, Verständnis dafür aufzubringen, dass sie
sich als verführt begreifen und nicht sehen können, was sie
selbst mit dem Versagen und dem Verbrechen zu tun haben.
Die Älteren waren der Parole ausgesetzt, nach der alles, was
Spaß macht, erlaubt sei; sie sind mit der Verheißung aufgewachsen,
Sexualität sei befreiend, mache glücklich und
zufrieden und müsse auch deshalb möglichst umfassend
gelebt werden, und wir kommen uns altmodisch vor, wenn
wir ihnen nahe bringen müssen, dass diese Verheißungen
uneinlösbar sind. Patienten klagen sexuelles Funktionieren
bis ins höchste Alter und trotz schwerer Krankheit ein, und
wir gestatten uns nur sehr zaghaft den Gedanken, dass alle
Blüten einmal verwelken und der Prothesengott, dem wir
frönen, am Ende nicht mehr maskieren kann, was er produziert.
Nincsenek megjegyzések:
Megjegyzés küldése