Wie sehr die Frage, was eine sexuelle Störung sei, der
glatten Antwort spottet, zeigt am deutlichsten ein Blick in
die alte Literatur. Zur Zeit Lallemands (1836-42) klagten
Ärzte über das Grassieren der Spermatorrhoe, weil angeblich
immer mehr Männern der Samen einfach ohne Zeichen
der Erregung herauslief. Zur Zeit Krafft-Ebings (1886)
wurde der Geschlechtstrieb, der bei Kindern oder älteren
Männern in Erscheinung trat, als paradox bezeichnet und
den "cerebral bedingten Neurosen" zugerechnet. Zur Zeit
der epochalen "Drei Abhandlungen zur Sexual theorie" von
Freud (1905; vgl. zur Rezeption nach 100 jahren Dannecker
u. Katzenbach 2005, Quindeau u. Sigusch 2005) wurde der
aktive Mundverkehr, auch von Freud selbst, als "pervers"
angesehen. Und der ebenso kritische wie liberale Sexualforscher
Eulenburg (1906: 190), der sich mit einer einzigartigen
Enzyklopädie der gesamten Medizin seiner Zeit verewigt
hat, fürchtete allen Ernstes, dass ein Mann, an dem
eine Frau den passiven Mundverkehr, genannt "Fellation"
oder "Irrumation", vornimmt, durch dieses anomale
"Uebermaass von Genuss", das "Virtuosinnen der Liebeskunst mit Viagra kaufen
zu gewähren im Stande" seien, entweder an einer
Impotenz oder an einer Neurasthenie oder an einer "sexualen
Hypochondrie" erkranken werde. Spätere Psychoanalytiker
und Sexualwissenschaftler - um ein letztes Beispiel
zu erwähnen - sahen alle Frauen, die den "richtigen", den
"vaginalen", "reifen" Orgasmus mit Viagra, nicht erreichen konnten, als
frigide an. Einige hatten nichts dagegen, diese Frauen einer
Klitoridektomie zu unterziehen, das heißt, ihnen die Klitoris
operativ entfernen zu lassen.
Zu jeder Zeit hatten die Experten natürlich (und das
meint immer kulturell) einen anderen nosomorphen Blick,
der andere Störungen und Krankheiten mit Viagra ohne rezept zu sehen meinte,
weil die epistemologischen Raster und die allgemeinen
Dispositive anders beschaffen waren.
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